Der Atem als spirituelle Quelle

Auf dem Weg zur Spiritualität stoßen wir auf die Frage, was unsere spirituelle Quelle ist. Es gibt viele Antworten auf diese Frage, doch eine ganz elementare verweist uns auf den Atem. Er ist nicht nur die Quelle unseres biologischen Lebens, weil er uns mit dem grundlegendsten Treibstoff für unsere Zellen versorgt, indem wir ihm den Sauerstoff entnehmen. Er ist nicht nur die Quelle für unsere psychologische Ausgeglichenheit, indem wir langsam und ruhig ein- und ausatmen. Er ist auch die Quelle für unser inneres Wachsen, für unser Streben nach innerer Freiheit.
Im bewusst fließenden Atem finden wir auf eine intime Weise zu uns selbst. Wir spüren unsere Gegenwärtigkeit, unsere Verbundenheit mit dem Inneren in einem unmittelbaren Erleben von Ganzheit. Spiritus, der Geist, ist gleichzeitig der Atem. Spiritualität ist deshalb immer auch die Erfahrung des Atems.


Der Atem und der Abgrund


Es gähnt nicht nur ein müder Mensch mit einem tiefen Atemzug, sondern auch ein Abgrund. Wir sprechen auch von einer gähnenden Leere. In der respiratorischen Philosophie von Petri Berndtson (siehe atman-Zeitschrift 3/24) ist der Abgrund das, woraus und worin das Atmen geschieht – oder die Form, in der der Abgrund erlebt wird. Die Gewissheit, dass auf jedes Ausatmen auch wieder ein Einatmen folgt, ist relativ. Wir wissen also nicht mit absoluter Sicherheit, ob wir nach dem Ausatmen wieder einatmen können, oder ob wir gerade unseren letzten Atemzug nehmen. Jeder Atemzug führt uns an den Abgrund, zur Erfahrung der Vergänglichkeit.
Wird die Atmung bewusst vollzogen, gibt es nur das Atmen im Moment, jeweils ein Einatmen oder ein Ausatmen, ohne Gewissheit über die Zukunft und die Vergangenheit. Im bewussten Atmen wird klar, dass die einzige Sicherheit im Moment des Erlebens liegt und dass alles darüber hinaus illusionär ist. Wir befinden uns an einem prekären Punkt, der von Abgründen umgeben ist. Der Ab-grund ist das Grundlose, das „Ungründige“, das also, was keinen Grund hat, sondern einfach ist, das Sein selbst in seiner erhabenen Unkontrollierbarkeit. Mit dem Sein ist das gemeint, was allem Seienden, also allem Relativen zugrunde liegt, ohne selbst ein Seiendes zu sein.


Die Durchlässigkeit unserer Existenz


Jeder Atemzug ist ein leibliches Geschehen, in dem die Durchlässigkeit unserer Existenz spürbar ist: Etwas Fremdes (die Luft, die Welt) tritt in uns ein, verwandelt sich in uns und verlässt uns wieder. Wir erkennen, dass es im Menschen keine starren Grenzen geben kann, nichts Abgeschlossenes, das sich ganz in sich verkapselt. Denn jeder Atemzug geschieht als Strömen durch eine Öffnung.
Wir sind durchlässig für das Sein in der Form der Luft. Unsere Außengrenzen sind nur scheinbare Grenzen, die nicht für die Atmung gelten und in jedem Atemzug überwunden werden. Im Atmen muss sich die atmende Person dem Unverfügbaren, eben der Luft in all ihrer Fremdheit hingeben, ohne es beeinflussen, kontrollieren oder besitzen zu können.
Wenn diese Durchlässigkeit endet, endet auch das Leben. Leben vollzieht sich immer mit offenen Grenzen, Grenzschließungen führen dazu, dass das Innere zugrunde gehen muss. Wenn der Austausch des Inneren mit dem Äußeren aufhört, hört das Innere auf und wird zu einem Äußeren.

Die Erfahrung der Entfremdung

Der spirituelle Weg beginnt mit Erfahrungen der Entfremdung: Das Gewohnte und Vertraute wird als Fremdes erfahren, weil es vorher unbewusst von der Außenwelt übernommen wurde. In vielen Traditionen wird dieser Prozess als Dreischritt beschrieben, hier im Zitat eines chinesischen Zen-Lehrers: „Bevor ich Zen studierte, sah ich Berge als Berge und Flüsse als Flüsse. Als ich in die Wahrheit des Zen eintauchte, waren Berge nicht mehr Berge und Flüsse nicht mehr Flüsse. Doch nachdem ich die Ruhe erreicht hatte, sind Berge wieder Berge und Flüsse wieder Flüsse.“ (Qingyuan Weixin)
Auf die naive Unmittelbarkeit der Erfahrung folgt die Entfremdung, die Dekonstruktion, die die Phänomene des Relativen als Erzeugnisse des projektiven Denkens durchschaut, und schließlich ereignet sich eine Art von geläuterter Unmittelbarkeit, in der die Welt des Relativen frei von allen Erwartungen und Bedeutungen wahrgenommen wird als das, was sie ist, ohne jede Täuschung und Verfälschung.

Das Vorbild für diesen Erfahrungsweges finden wir in jedem Atemzug. Denn im Atem liegt die beständige Erfahrung der Entfremdung im doppelten Wortsinn: Das Fremde, das in uns eintritt, entfremdet uns mit dem, was wir vorher waren; indem das Fremde zum Eigenen wird, wird es ent-fremdet. Das Eigene, das uns beim Ausatmen verlässt, ist das Fremde, das zum Eigenen verwandelt wurde, und als Eigenes wieder zum Fremden wird. Auf die Aneignung des Fremden folgt die Veräußerung des Eigenen.
Die menschliche Existenz vollzieht sich in einem fortlaufenden Austausch zwischen Innen und Außen. Im Atem erleben wir das Einströmen und Ausströmen, dieses Geben und Nehmen in einem kontinuierlichen Prozess. Die Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen dem Eigenen und dem Fremden, ist die Grenze zwischen dem Ausatmen und dem Einatmen. Aber auch diese Grenze ist in Wirklichkeit keine Grenze, sondern nur die Umkehrung der Richtung. Atmend sind wir gleichzeitig das Innere und das Äußere, das Eigene und das Fremde. Es macht keinen Sinn mehr, vom Inneren als Gegensatz des Äußeren zu reden, weil das Innere immer Äußeres und das Äußere immer Inneres ist.


Das Atmen als gesellschaftlicher Prozess

Das Atmen ist ein immanenter gesellschaftlicher Vorgang, weil die Atemluft, die wir zu uns nehmen, Allgemeingut ist, die sich unter anderem aus der Ausatemluft vieler Menschen zusammensetzt. Diese Luft trägt in gewisser Weise die Menschheitsgeschichte in sich, denn, wie man sagt, könnte jemand heute die Luft einatmen, die Jesus einmal ausgeatmet hat. Wir tauschen uns im Atmen mit den Menschen um uns herum aus und erschaffen mit jedem Atemzug Beziehungen zu den Menschen um uns herum, auch wenn wir diesen Vorgängen meistens keine Aufmerksamkeit und keine Bedeutung geben. Dennoch verbindet uns der Atem mit unserer Umgebung im Sinn einer fortlaufenden Kommunikation, durch die ein dichtes Netz des Informationsaustausches geschaffen wird. Bewusst können wir diese Vorgänge erleben, wenn wir mit anderen Menschen in einem Raum gemeinsam bewusst und aufeinander abgestimmt atmen. Dann entsteht eine besondere vertrauensvolle Atmosphäre der tiefen Verbindung und Gemeinsamkeit.

Das Atmen ist ein elementarer Kommunikationsvorgang unter vielen anderen, die Verbindungen zwischen dem Innen und dem Außen herstellen. Seine Sonderstellung liegt darin, dass es für die Menschen und für viele Lebewesen unmittelbar zum Überleben notwendig ist und deshalb nahezu ununterbrochen stattfindet, von der Geburt bis zum letzten Atemzug. Unabhängig vom Bewusstsein, selbst im tiefsten Schlaf atmen wir weiter. Alle anderen Formen des Austausches nutzen wir zu verschiedenen Zeiten – das Schauen, Hören, Riechen, Reden usw., keine aber so oft und so beständig wie das Atmen. Es bildet damit die Grundform der Kommunikation, und sie ist diejenige, die uns noch bleibt, wenn alle anderen versagen.


Die Atmung als Sinnesorgan


Was wir über die Außenwelt erfahren, wird zuerst durch die Atmung vermittelt. Deshalb ist sie auch das erste „Sinnesorgan“. Der Atem hält damit eine Vorzugsstellung als primärer Wahrnehmungs- und Kommunikationsvorgang. Der irisch-englische Philosophen George Berkeley hat das Prinzip „Esse est percipi“ (Sein ist Wahrgenommenwerden) formuliert, mit dem er eine subjektivistische Philosophie begründen wollte: Was nicht wahrgenommen wird, existiert nicht. Wahrnehmen heißt für ihn und für alle Empiristen, über die traditionellen Sinnesorgane, vor allem das Sehen und dann das Hören, Informationen über die Außenwelt zu bekommen. Wenn wir aber das Atmen als Informationskanal berücksichtigen, zeigt sich, dass es allen anderen Kanälen vorausgeht und die Grundlage für diese bildet. Denn der Primat der Atmung vor den anderen Sinnen entsteht aus dem Lebensvollzug als solchem: Wir könnten ohne jede Wahrnehmung, nicht jedoch ohne den Atem leben. Wie wir atmen, bestimmt unsere Weise der Wahrnehmung. Forscher konnten zum Beispiel feststellen, dass wir beim Einatmen besser wahrnehmen und denken können als beim Ausatmen. Die Weitung der Nasenlöcher gibt darüber Aufschluss, welche Gehirnhälfte gerade aktiver ist. Usw.


Atmen als Vollzug der Freiheit


Dazu kommt, dass der Mensch mit der Fähigkeit ausgestattet ist, sein Atmen bewusst erleben, zu beeinflussen und zu regulieren. Im Atmen ist also auch ein elementarer Vollzug der Freiheit, einer selbstbestimmten Lebensführung enthalten. Ich muss nicht so atmen, wie es der Organismus vorgibt, sondern kann innerhalb bestimmter Grenzen die Atmung selbst steuern, schneller oder langsamer, seichter oder tiefer atmen und zwischen Mund- und Nasenatmung wechseln, wie es mir beliebt. Es ist der einzige Stoffwechselvorgang, den ich auf so direkte Weise meinem Willen unterwerfen kann. Im Erleben und Steuern des Atems kann ich unmittelbar den Vollzug meiner Freiheit mitverfolgen. Ich vergewissere mich meiner Autonomie im bewussten Atmen.


Das Atmen und die Endlichkeit


Andererseits liegt in der Erkenntnis, dass wir atmen müssen, um zu überleben, die Einsicht in die Abhängigkeit unserer Existenz von unserer Leiblichkeit. Im Atmen und besonders in der Erfahrung eines stockenden oder blockierten Atems meldet sich die Vorwegnahme des Todes. Der Atem symbolisiert das unendliche Fließen des Lebens, aber enthält aber zugleich auch die Erinnerung an den Beginn und die Vorschau auf das Ende.
Im Atem begegnen wir also unserer Endlichkeit wie unserer Unendlichkeit. Wo wir endlich sind, sind wir auch verwundbar und zerbrechlich, wo wir unendlich sind, finden wir den Trost für alles Leiden und unsere Wunden können heilen. Die bewusste Erfahrung des Atems konfrontiert uns mit der Offenheit der Welt, die uns Angst machen kann, wenn wir an unsere Endlichkeit denken, und die uns unsere Freiheit schenkt, wenn wir uns unsere Unendlichkeit vergegenwärtigen.


Die Stille des Atems


Die „Stille“ des Atems verweist dabei auf den unscheinbaren, aber konstitutiven Hintergrund des Daseins – eine ontologische Stille, aus der Sprache, Denken und Wahrnehmung überhaupt erst hervorgehen.
Die Stille des Atems zwischen zwei Atemzügen, vorzüglich nach der Ausatmung, vermittelt eine Erfahrung des Stillstands, der ins Unendliche andauern könnte. Was stillsteht, ist die sonst rastlose Aktivität des Denkens. In diesem Moment, wenn er in seiner Kostbarkeit erlebt werden kann, in dieser Atemlosigkeit also kommt die unendliche Weite des Seins ebenso zur Geltung wie die Endlichkeit, das Verstummen und Zuendekommens jeder Bewegung.
Der Atem hilft nicht nur auf dem Weg zur Stille, indem wir bei der meditativen Besinnung auf das Ein- und Ausströmen des Atems achten und dadurch innerlich ruhiger und ruhiger werden. Er enthält selbst diese Stille, die am Anfang der Sprache stehen könnte, wie der französische Philosoph Merleau-Ponty meinte: „Das Schweigen ist nicht das Gegenteil der Sprache, sondern ihr erstes Moment.“
Die Erfahrung des Seins vollzieht sich in einem Raum der Stille, in dem es nicht mehr um das Tun, sondern um das Geschehenlassen geht. Darauf hat schon Martin Heidegger hingewiesen. Im Atem ist das Einatmen das Tun und das Ausatmen das Geschehenlassen. Wie der Atem kommt und geht, so fließt das Leben. Der Lärm ist verstummt, die Geschäftigkeit kommt zur Ruhe, in der Stille ist das da, was gerade da ist, und das ist alles, was es braucht.
In der Stille des Atems ist nichts mehr zwischen uns und der Welt, wir sind eins mit dem, was da ist. Die Welt ist in uns und wir sind die Welt. Wir sind der Atem, der die Welt und uns enthält. Selbst Raum und Zeit verschwinden hinter der vollen Präsenz im Atem.